Übersetzungsprobleme: Die nötige Würze in der Übersetzersuppe
 Foto einer Zeichnung einer Uhr mit den Begriffen "Recherche", "Fachbegriffe", "Express", "Fehlende Entsprechung"

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 23.02.2016

Beherrscht man eine Fremdsprache, ist Übersetzen Routine. Weit gefehlt! Übersetzungsprobleme sind allgegenwärtig und bringen viel Spannendes mit sich.

 

In unserem letzten Blogartikel haben wir bereits einige Vorurteile zu unserem Beruf aus dem Weg geräumt. Weit verbreitet ist auch die Meinung, Übersetzen sei reine Fleisssache.

Wer meint, Übersetzerinnen und Übersetzer würden Fliessbandarbeit leisten, hat sich jedoch getäuscht. Die Übersetzerarbeit ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden, die allesamt viel Abwechslung in den Übersetzeralltag bringen. Welche Übersetzungsprobleme unter anderem auftauchen können, zeigt Ihnen in der Folge Mr. Translator:

 

Ein Tag im Leben von Mr. Translator …

… beginnt ganz nach der gewohnten Routine. Mr. Translator bekommt einen Begleitbrief zu Bankunterlagen, den er übersetzen muss. Die ersten Sätze deuten auf zwei ruhige Stunden ohne Übersetzungsprobleme hin, selbst wenn es sich um einen Expressauftrag handelt. Von „Express“ lässt sich Mr. Translator zum Glück schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen – er ist sich die engen oder nicht selten sogar völlig unrealistischen Fristen gewohnt. Auch Nachtschichten weiss er mittlerweile gut einzuteilen.

Also: Sehr geehrte Damen und Herren, in der Beilage finden Sie bla bla bla …

Doch schon nach wenigen Abschnitten gerät Mr. Translator ins Stocken. Im sehr allgemeinsprachlich gehaltenen Brief wird auf ein spezifisches Produkt der Bank hingewiesen, das einen ganz sonderbaren Namen trägt. Auch die Kurzerklärung zum Produkt, ein dreiteiliges, zusammengesetztes Wort, ist Mr. Translator schleierhaft. Er ist kein Finanzspezialist. Der Brief wurde ihm zur Übersetzung zugewiesen, weil ihn jemand nach kurzem Überfliegen in die Kategorie „nicht fachspezifisch“ eingeteilt hatte. Mr. Translator investiert eine gute halbe Stunde, bis er die dreiteilige Erklärung zum Finanzprodukt entschlüsselt hat. Er durchforstet zahlreiche finanztechnische Texte im Internet, stöbert in Wörterbüchern, Glossaren und Online-Datenbanken. Eine 1:1-Entsprechung zur Verkettung der drei Nomen findet er nicht, und so muss er ziemlich viel zum Thema lesen, bis die Erklärung zum Finanzprodukt für ihn verständlich wird und er in einem zweiten Schritt die dafür geeignete Übersetzung findet.

 

Zum eigentlichen Namen des Finanzproduktes bekommt er erst nach drei Anrufen beim Kunden Auskunft. Die Bezeichnung existiert in der Zielsprache noch gar nicht. Nun investiert Mr. Translator weitere 15 Minuten, um eine passende deutsche Benennung für das Produkt zu finden. Mr. Translator arbeitet zwar nicht als Werbetexter, gibt sich aber dennoch die grösste Mühe, eine peppige und gleichzeitig professionell klingende Lösung zu finden.

 

Mr. Translator hat nun rund 45 Minuten Verspätung, lässt sich aber nicht entmutigen. Übersetzungsprobleme machen seinen Arbeitsalltag schliesslich spannend. Er arbeitet fleissig weiter und holt seinen Rückstand nach und nach wieder auf. Weiter unten im Text stösst er jedoch erneut auf eine Hürde. Ein Satz scheint unvollständig, er macht in der Fremdsprache absolut keinen Sinn. Wieder ruft Mr. Translator im Unternehmen an. Nur ist der Verantwortliche leider momentan nicht verfügbar. Mr. Translator arbeitet weiter, in der Hoffnung, den Kunden noch vor der Lieferfrist zu erreichen. Der erwähnte Satz kann momentan halt nur der Spur nach übersetzt werden.

 

Weiter unten im Brief ein neues Hindernis: Es wird eine Erklärung abgegeben, wie man im Internet ein bestimmtes Dokument aufrufen kann. Mr. Translator will als Hilfe die entsprechende Website anschauen – diese ist leider im Moment nicht verfügbar. Mr. Translator sieht keine Möglichkeit, den entsprechenden Teil zu übersetzen, da er aus der reinen Texterklärung nicht schlau wird. Es ist von Sektionen, Bereichen und Feldern die Rede, in die man klicken kann. Mr. Translator muss jedoch diese erwähnten Schritte sehen können, damit er die richtige Übersetzung wählen kann. Mittlerweile ist der Kunde wieder erreichbar. Er wirkt gestresst, entschuldigt sich aber trotzdem für den mangelhaften Ausgangstext. Er liefert ergänzende Erklärungen, die die Übersetzung ermöglichen. Ebenso beschreibt er das Bild auf dem Web, damit sich Mr. Translator das Vorgehen in der Suchmaske genau vorstellen und dieses in der Zielsprache richtig beschreiben kann.

 

Nun muss Mr. Translator nur noch die letzten Zeilen des Briefes bewältigen: Freundliche Grüsse, Harald Herder, Directeur blablabla … Directeur? Wie lautet wohl die deutsche Bezeichnung? Das Finanzinstitut existiert ja nur in der Westschweiz, deutsche Bezeichnungen gibt es also gar keine. Leiter, Vorgesetzter, Direktor, CEO? Wieder macht Mr. Translator unzählige Recherchen. Er trifft zuletzt eine Entscheidung, die er nicht wirklich begründen kann. Auch das kommt vor.

 

So, nun nur noch kurz Kopf- und Fusszeile bearbeiten. Soll er die Adresse übersetzen? Case postale oder Postfach? Einige Kunden wollen in solchen Fällen alles übersetzt haben, andere aber finden, ihr Unternehmen sei ja in der Westschweiz ansässig, also gelte auch die französische Adresse. Mr. Translator zögert – ein weiterer Anruf? Der Kunde wirkte schon beim letzten Gespräch nicht mehr sehr ruhig … Mr. Translator stützt sich auf seine Erfahrung und lässt das Bauchgefühl entscheiden.

 

Er liefert schliesslich mit rund 10 Minuten Verspätung. Dieser Auftrag war definitiv keine Routinearbeit – Übersetzungsprobleme gab es einige. Die Zeit verging jedoch einmal mehr wie im Flug.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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