Übersetzung und Kontext
 Foto des Wikipedia-Eintrages "Kontext"

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 15.03.2016

Fehlender Kontext ist eine bekannte Hürde in der Übersetzung: Kann ein Textelement nicht im Zusammenhang erfasst werden, sind Fehler vorprogrammiert.

 

In unserem letzten Blog haben wir auf die Wichtigkeit des Fachwissens beim Übersetzen hingewiesen. Ohne die nötigen Kenntnisse auf dem Gebiet, aus dem ein Text stammt, kommen wir Übersetzerinnen und Übersetzer schnell an unsere Grenzen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit ungenügenden Hintergrundinformationen – unklarer oder sogar fehlender Kontext erschwert die Übersetzerarbeit oder macht sie im Extremfall sogar unmöglich.

 

Wie bitte?

Heben Sie sie auf und setzen Sie sie erst dann ein. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn sie dennoch durchdreht. Schalten Sie in diesem Fall ab.

 

Wie bitte? Geht es hier um eine Schraube in Verbindung mit irgendeiner Maschine? Muss diese vom Boden aufgehoben und dann montiert werden. Und falls sie durchdreht, wird empfohlen, die Maschine abzustellen?

 

Oder geht es um Medikamente für Ihre Frau, die zuerst aufbewahrt werden müssen, bevor sie zum Einsatz kommen. Anschliessend könnte Ihre Frau jedoch dennoch durchdrehen, und sie müssten sich in diesem Fall trotzdem entspannen.

 

Selbstverständlich handelt es sich bei diesem Beispiel um Fiktion. Hindernisse dieser Art sind jedoch im Übersetzeralltag sehr häufig. Immer wieder fehlt der zu übersetzenden Materie sozusagen die Existenzgrundlage, nämlich der Zusammenhang, der für das Textverständnis absolut zwingend ist.

 

Isolierte Textelemente

Fehlender Kontext im klassischen Sinn bedeutet einzelne Sätze oder sogar nur Wörter, die die Übersetzerin oder der Übersetzer ohne den nötigen Zusammenhang behandeln muss – oft unter zusätzlichem Stress in der falschen Annahme des Auftraggebers, es handle sich ja schliesslich nur um kleine und somit schnell zu übersetzende Textbausteine.

 

Nicht selten verwandelt sich jedoch in solchen Fällen ein vermeintlicher Druck auf den Übersetzungsknopf in eine ganz mühselige Angelegenheit. Sie erinnern sich sicher an Mr. Translator. Ihn erreicht also zum Beispiel das Wort „Drehscheibe", das er in seine Muttersprache zu übertragen hat. Einfach, oder? Doch leider schüttelt unser lieber Gefährte sofort den Kopf. Geht es denn um die klassische Drehscheibe im Bahnverkehr oder um eine Drehscheibenfunktion in einem Unternehmen? Oder allenfalls sogar um die Drehscheibe auf dem Spielplatz, auf der Mr. Translator in jungen Jahren immer schlecht wurde? Oder noch spezieller um die Drehscheibe zur Bestimmung des Geburtstermins?

 

Auch hier – reine Fiktion. Aber Sie sehen, dass fehlender Kontext den Arbeitsprozess sofort verlängert. Im Fall unseres Beispiels muss nämlich zwingend mit der Verfasserin oder dem Verfasser des Textes Rücksprache genommen werden, um zu den nötigen Hintergrundinformationen zu kommen. Und schnell gehen statt der geforderten 10 Sekunden dreissig Minuten für die Übersetzung eines einzigen Begriffes verloren.

 

Bildmaterial als Hilfe

Manchmal würde ein Bild oder ein erklärender Satz als des Rätsels Lösung genügen. Denn auch in Fällen, in denen es um mehr als nur ein Wort oder einen Satz geht, ist die Übersetzerin oder der Übersetzer vielfach ohne die nötigen zusätzlichen Elemente, Hinweise oder Infos verloren. So wird eine einfache Beschreibung einer Online-Kundenplattform zum Beispiel ohne die entsprechenden Printscreens zu einem übersetzertechnischen Kraftakt.

Welches Fenster poppt wo auf? Welche Information erscheint in welchem Feld? Auf welchen Pfeil muss man klicken? Und welche Fotos muss man über welchen Kasten ziehen?

 

Mr. Translator kann sich noch so ins Zeug legen und sich alle möglichen Varianten auf dem Bildschirm ausmalen – er ist quasi zum Scheitern verurteilt. Dabei würden einige Bilder genügen, um den Übersetzungsvorgang äusserst einfach zu gestalten.

 

Liebe Leserinnen und Leser, die Kernaussage bleibt auch nach diesem Artikel dieselbe: Übersetzung bedeutet keineswegs das automatische Übertragen von Textelementen in einer Sprache in dieselben Elemente der anderen Sprache. Wäre dies der Fall, könnte uns jeglicher Kontext gestohlen bleiben. Durchaus eine schöne Vorstellung, aber leider sieht die Realität anders aus.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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