Übersetzung und Ausgangstexte
 Foto eines Ausgangstextes mit diversen Kommentaren des Übersetzers.

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 24.03.2016

Wir sagen es nicht so gerne, denn der Kunde ist bekanntlich König. Aber dennoch erschweren mangelhafte Ausgangstexte unsere Arbeit manchmal enorm.

Dass Übersetzen bei weitem nicht nur Fliessbandarbeit ist und wir Übersetzerinnen und Übersetzer auch ab und zu schwer unsere Grenzen kommen, haben wir in den vergangenen Beiträgen bereits mehrfach erwähnt.

 

Doch nicht immer liegt es an uns, wenn der Übersetzungsmotor stockt. Manchmal sind unsere Arbeitsgrundlagen einfach mangelhaft, was zu grossen Verständnisschwierigkeiten, umfangreichen Recherchen und zahlreichen zeitaufwendigen Rückfragen führt.

 

Tja, die schlechten Ausgangstexte … Es braucht für uns etwas Mut, darüber zu berichten. Denn wir wissen, dass unsere Kunden allesamt nicht absichtlich fehlerhafte Originaltexte liefern. Und wir haben eigentlich auch vollstes Verständnis dafür, denn die Welt kann nicht nur aus Sprachprofis bestehen. Für ein abgerundetes Bild und etwas Aufklärungsarbeit zum Thema Übersetzung kommen wir aber nicht darum herum, diesen durchaus heiklen Punkt zu erwähnen.

 

Wir sogenannten Sprachprofis begutachten Texte viel kritischer als „Otto Normalsprachler", das ist Tatsache. Dafür aber treffen uns schlechte Arbeitsgrundlagen auch dementsprechend härter: Erstens sind wir dauernd im Dilemma, wie weit wir auf Fehler oder stilistische Patzer in Ausgangstexten aufmerksam machen sollen – eigentlich können wir mit Fehlern ja gar nicht leben, andererseits aber fehlt oft die Zeit, und ist es auch gar nicht unsere Aufgabe, Originale zu beurteilen. Und zweitens sind unsere Arbeitsgrundlagen sogar manchmal so geschrieben, dass wir sie gar nicht mehr verstehen.

 

Sie fragen sich nun wohl, ob dies wirklich möglich ist – dass ein Profi in Sachen Fremdsprache eine schriftliche Aussage nicht mehr entschlüsseln kann, weil sie nicht korrekt formuliert ist. Nun ja, in gewisser Hinsicht können wir Sie beruhigen: Es ist selten so, dass Passagen so mangelhaft geschrieben sind, dass wir sie gar nicht mehr verstehen. Es geht vielmehr um Aussagen, die unklar werden oder aus denen wir gewisse Nuancen nicht mehr herauslesen können.

 

Kurz zurück zu Mr. Translator, um die Sache etwas zu veranschaulichen:

Er stolpert in einem Text zu einer Ausstellung zum Beispiel über das Wort „Infobuffet". Geht es hier um eine Informations-Desk? Handelt es sich um einen Schalter? Oder könnte es doch auch um einen Imbiss gehen, im Rahmen dessen man zusätzlich informiert wird? Nehmen wir an, Mr. Translator sei französischer Muttersprache. Er übersetzt also ins Französische. Da Deutsch seine Zweitsprache ist, kann er in den Begriff vielleicht doch etwas weniger hineininterpretieren als eine Muttersprachlerin oder ein Muttersprachler dies könnte. Er kann der Schwierigkeit aber auch nicht mit „buffet d’informations" ausweichen, denn dieser Begriff sagt in der französischen Sprache definitiv nichts mehr aus.

 

Oder was ist mit dem Begriff „Mit-Engagement"? Eine Wortschöpfung, die es eigentlich nicht gibt. Entstand sie mangels besseren Wissens oder aus einem bestimmten Grund? Könnte also eine wichtige Aussage dahinterstecken? Ist es mehr als nur Engagement, geht es um Zusammenarbeit?

 

Oder wie ist folgender Satz zu übersetzen:

 

„Auch wer sich über den Erwerb, Umgang oder die Haltung von Waffen informieren möchte, ist an dieser Ausstellung genau richtig." Erstens ist der Satz grammatikalisch falsch – richtig wäre folgende Struktur: „Auch wer sich über den Erwerb, den Umgang mit oder die Haltung von Waffen informieren möchte, ist an dieser Ausstellung genau richtig." Und wieder ist Mr. Translator ratlos, denn er weiss nicht, was mit der Haltung von Schusswaffen gemeint ist. Dieses Wort wurde von der Autorin oder dem Autor schlicht und einfach falsch eingesetzt, denn laut Duden kann er lediglich Körperhaltung, Einstellung, innere Fassung oder Tierhaltung bedeuten, wobei keines dieser Synonyme zu Waffen passt. Geht es also eher um die Handhabung? Oder um die Aufbewahrung von Waffen? Oder deren Erwerb?

 

Sie denken nun vielleicht, dass es sich hier doch nur um Details handelt. Die Übersetzung lebt jedoch von der korrekten Übertragung genau jener Details. Und viele folgenschwere Übersetzungsfehler haben ihren Ursprung bekanntlich in Kleinigkeiten.

 

Wichtig scheint uns zum Abschluss dieses Blogs, dass es uns lediglich darum geht, Ihnen den Übersetzerberuf näher zu bringen. Der Beitrag soll also kein Klagelied sein, im Gegenteil, Hürden machen den Übersetzeralltag letzten Endes spannend. Schreiben Sie also weiter munter drauflos. Sollte Ihr Text mal holprig sein – wir verzeihen Ihnen auf jeden Fall und übersetzen nicht weniger gerne für Sie! :-)

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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