Sprachprofis und ihre Macken
 Foto eines Kinderbriefes mit Fehlern.

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 02.12.2015

Sogenannte Sprachprofis wissen über Sprache nicht alles, aber doch einiges. Nicht selten machen sie sich jedoch genau mit diesem Wissen das Leben schwer.

 

Im letzten Blogartikel haben wir darüber gesprochen: Über das Wissen der sogenannten Sprachprofis, das nicht abschliessend ist. Doch Menschen, die jeden Tag mit Sprache zu tun haben und oft von morgens bis abends schreiben, lektorieren, korrigieren oder übersetzen, sind in der Arbeit mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen halt generell doch sehr versiert. Schliesslich geht es in ihrem Alltag um nichts anderes als ums Streben nach dem perfekten Ausdruck. In Sachen Satzbau, Grammatik, Zeichensetzung, Logik, Stil und selbstverständlich auch Rechtschreibung muss einfach alles passen – Fehler kann man sich nicht leisten, denn sonst wirkt man nicht glaubwürdig. Oder kennen Sie einen Automechaniker, der nicht Autofahren kann? Oder eine Kosmetikerin, die sich nicht schminkt?

 

 

Déformation professionnelle

Nun ja, genau dieses Streben nach Perfektion hat jedoch auch seine Nachteile. Oft haben nämlich Sprachprofis ihren Hang zu sprachlichen Bestleistungen auch ausserhalb ihres beruflichen Alltags schlecht unter Kontrolle. So kommt es, dass Rechtschreibefehler in öffentlichen Dokumenten in den Augen schmerzen, der automatische Fehler-Scanner auch vor netten Dankeskärtchen Bekannter nicht Halt macht oder die süssen orthografischen Patzer von Erstleserinnen und Erstlesern als gar nicht unbedingt süss taxiert werden. Die sogenannte Déformation professionnelle, also die berufliche Identifikation, die in gewisser Hinsicht zu weit geht, schlägt bei Sprachprofis sehr oft gnadenlos zu. Vielleicht gerade deshalb, weil der schriftliche Ausdruck omnipräsent ist und tagtäglich neue schriftliche Werke beurteilt werden können. Und genau diese Déformation professionnelle ist bei Weitem nicht immer angenehm – im Gegenteil. Oft handelt es sich um einen mühsamen Weggefährten, der das spontane Lesen erschwert und zu ständigem Beurteilen auffordert, selbst wenn man gar nicht beurteilen will.

 

Wie oft habe ich mich zum Beispiel schon ertappt, wie ich mich in einem Restaurant vor einer Menükarte brütend fragte, warum ein renommiertes Gasthaus Rechtschreibefehler auf seiner Karte toleriere, anstelle mich auf meine Bestellung zu konzentrieren oder mich auf das Essen zu freuen. Oder ich ärgerte mich über irgendein Schreiben mit offiziellem Charakter, das stilistische No-Gos enthielt.

 

So wird der Alltag von Sprachexpertinnen und -experten in zahlreichen Situationen kompliziert, auch wenn dies gar nicht nötig wäre. In genau dieses Kapitel gehören das beinahe zwangshafte Nachschlagen von Begriffen, die einem nicht geläufig sind: Anstelle in Ruhe die Zeitung zu lesen, muss ich zum Beispiel dauernd meine Duden-App konsultieren, um irgendwelche schwierigen Wörter nachzuschlagen. Dabei wären die Artikel auch ohne das Wissen um die Bedeutung sämtlicher verwendeter Begriffe wunderbar verständlich ... Ebenso kann ich in den meisten Fällen auch noch so unwichtige Texte nicht mehr ohne die sprachliche Korrektheit im Hinterkopf zu Papier bringen. So kann mich auf einer persönlichen Notiz ein Kommaproblem zu einer zeitraubenden Recherche zwingen, die objektiv gesehen völlig unnötig wäre. Oder ich verspüre einen gewissen Zwang, sämtliche meiner SMS vor dem Senden kurz nochmals auf ihre sprachliche Korrektheit zu prüfen. Oder ich muss einen Satz auf einer Lebensmittelverpackung analysieren, um herauszukristallisieren, ob er logisch ist oder nicht. Und zum Schluss gebe ich sogar zu, dass ich bereits diverse Unternehmen kontaktiert habe, um mich über ihre schlecht geschriebenen Websites zu beschweren. ;-)

 

Sprachprofis haben also definitiv ihre Macken, über die sie manchmal selbst am heftigsten stolpern. Und dennoch ist ein gewisses Expertenwissen wertvoll. Vielleicht müsste man einfach vermehrt zwischen Beruf und Alltag eine klare Grenze ziehen.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 

 
Loading

0 von 0 Kommentaren

Kommentar schreiben