Schweizerhochdeutsch: Wir dürfen es schreiben – und auch sprechen!
 Foto eines skizzierten Männchens mit Schweizerkreuz auf Pulli, das spricht und in Sprechblase deutsche Flagge hat.

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 09.09.2015

Unser Schweizerhochdeutsch in Texten zu pflegen, scheint möglich zu sein. Warum aber tun wir uns mit unserem schweizerdeutschen Akzent so schwer?


Neulich im Zug musste ich wieder mal unfreiwillig ein längeres Telefongespräch eines Mitreisenden verfolgen. Besonders nervig war einmal mehr nicht nur die Störung an sich, sondern diese Einseitigkeit. Dieser Monolog, der doch keiner ist. Wie immer versuchte ich erfolglos, die Beiträge der Person am anderen Ende zu erahnen.

  

Hast du ihn denn gefragt?

???

Weil er’s mir gesagt hat.

???

Ja eben.

???

Also ich würde es nie so machen.

???

???

???

 

Und wie immer kam ich beim heiteren Dialog-Ratespiel auf keinen grünen Zweig. Die Ruhestörung mit erfolglosem Dialograten wäre also nichts Neues und eigentlich auch gut verkraftbar gewesen. Dennoch trieb mich dieses Gespräch beinahe die Wände hoch, und zwar eigentlich nur, weil sich mein Abteilgefährte in astreinem Hochdeutsch zu unterhalten versuchte und ihm dies einfach ganz und gar nicht gelingen wollte.

 

Zwangsläufig drängte sich eine Frage auf, die eigentlich altbekannt ist: Warum fällt es uns Schweizern so schwer, zu unserem Schweizer Akzent zu stehen, wenn wir Hochdeutsch sprechen? Ist unser gesprochenes Schweizerhochdeutsch wirklich so scheusslich?

 

Unser Umgang mit Hochdeutsch

Wenn Schweizerbürger Hochdeutsch sprechen müssen, können wir meist folgende Szenarien beobachten:

A)   Sie versuchen sich wie im erwähnten Beispiel erfolglos in akzentfreiem Hochdeutsch und machen sich damit ziemlich lächerlich.

B)   Sie bringen ihren Schweizer Akzent übertrieben ein, indem sie zum Beispiel all ihre schön gerollten „r“ und im Hals kratzenden „ch“ noch etwas mehr betonen als nötig.

C)   Sie murmeln eher beschämt oder entschuldigen sich sogar für ihr Schweizerhochdeutsch.

D)   Sie verstummen vollends.

Szenario E, ein ganz gewöhnliches, fehlerfreies Hochdeutsch mit schweizerischem Akzent, beobachtet man nur ganz selten.

 

Vergleiche …

Verlassen wir mal in Gedanken unsere Sprachregion und verlagern uns in die Westschweiz. Stört es uns, wenn wir ein Französisch mit Waadtländer Akzent hören? Oder vergleichen wir ein Freiburger Französisch mit dem Standardfranzösisch aus Paris? Oder verlassen wir sogar die Landesgrenze: Finden wir ein reines „British English“ besser als Obamas US-Amerikanisch?

Die erwähnten Beispiele führen es uns glasklar vor Augen: Dass wir unser Schweizerhochdeutsch als minderwertig betrachten, ist hausgemacht. Wichtig wäre, sich dieses Sachverhalts bereits in der Schule bewusst zu sein. Die helvetische Aussprache soll Platz haben und den ABC-Schützinnen und -schützen nicht systematisch abtrainiert werden. Klar müssen „k“ und „ch“ nicht im Hals kratzen, aber niemand muss Hochdeutsch reden wie in einem deutschen Werbespot! Unser helvetisches Hochdeutsch ist weder süss noch „Heidi-like“, ein gewöhnliches Schweizerhochdeutsch ist schlicht und einfach Ausdruck unserer Identität, die wir doch dringend pflegen sollten!

 

Dialekt als Ursache

Wahrscheinlich kommt uns auch in dieser Frage unser Dialekt in die Quere. Wir sprechen zu wenig oft Hochdeutsch, und deshalb sind wir überfordert, wenn wir es mal tun müssen. Oder käme es einem Österreicher in den Sinn, sein Österreichisch bewusst einem astreinen Bühnendeutsch unterzuordnen?

 

In diesem Sinne bleibt nur eine Quintessenz: Mut zum Schweizerhochdeutsch! Es ist unser Hochdeutsch und soll auch als dieses gepflegt und bewahrt werden. Und umso schöner, wenn regionale Färbungen die ganze Sache noch etwas variabler gestalten!

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 

 
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