Politisch (zu) korrekt – Teil 3
 Bild eines Müllmanns mit dem Untertitel "Waste Removal Engineer"

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 28.09.2017

Ja genau, wir können politisch zu korrekt werden. Wenn wir über unser Grundziel des wertfreien Gesprochenen oder Geschriebenen hinausschiessen.

Wenn Political Correctness lächerlich wird …

Eine politisch korrekte Sprache kann ganz schön seltsame Auswüchse haben. Dann nämlich, wenn wir den Pfad des gesundes Menschenverstandes verlassen und Anpassungen vornehmen, die lächerlich werden.

 

In solchen Fällen verfehlen wir unser Ziel vollends. Im Gegenteil, unter Umständen fördern wir mit scheinbar politisch neutralen Ausdrücken Stigmatisierungen oder Ausgrenzungen. Übertriebene Political Correctness führt in eine Sackgasse, denn sie ist nicht hilfreich, sondern verwirrend und kontraproduktiv.

 

Folgende Beispiele könnten in unseren Augen als sprachliche politische Korrektheit jenseits des gesunden Menschenverstandes taxiert werden:

Beispiel 1

Schwarze, Farbige, Dunkelhäutige, Menschen dunkler Hautfarbe, Hochpigmentierte … In einer Frequenz sondergleichen wurden die Bezeichnungen für das berühmte N-Wort ausgetauscht. Dass letzteres aus unserem Wortschatz gestrichen werden muss, versteht sich von selbst. Vor lauter Alternativen wissen wir jedoch nicht mehr, welcher Begriff nun gilt. Zudem sind wir nicht sicher, welche Bezeichnung wie stark negativ konnotiert ist. Und zu guter Letzt fördern wir mit lächerlichen Bezeichnungen wie „hochpigmentiert“ eine Stigmatisierung.

Beispiel 2

Man ist nicht mehr müde, sondern Frau ist müde. Oder man/frau sind müde. Das Pronomen „man“ mit einem männlichen Element gleichzusetzen, ist übertriebener Aktionismus. „Man“ ist ein grammatikalisches Element und hat überhaupt nichts mit Männlichkeit zu tun. Sonst müssten wir sofort weitere Änderungen vornehmen – wir müssten zum Beispiel nicht nur verherrlichen, sondern sofort auch verfraulichen.

Beispiel 3

Pippi Langstrumpfs Vater, der Negerkönig, wurde zum Südseekönig. Die Rothäute und Neger in Tom Sawyer gibt es auch nicht mehr. Und der Mohrenkopf heisst jetzt Schokokopf. Was passiert mit den zehn kleinen Negerlein? Und wann werden alle Märchen durch die Zensurmaschine gelassen? Auch hier ist unser Aktionismus grenzwertig. Geht es nicht in vielen Fällen auch um Kulturgut? Muss man nicht stehen lassen, was in einer früheren Zeit Gültigkeit hatte und die dazumal landläufige Meinung widerspiegelt? Wollte Mark Twain zum Beispiel nicht absichtlich von Negern und Rothäuten sprechen?

Beispiel 4

Menschen mit einer Behinderung sollen nicht Krüppel genannt werden. Das leuchtet ein. Sie dürfen aber auch nicht mehr als Behinderte bezeichnet werden. Beim Begriff „Behinderter“ handle es sich um eine negatives Gesamtbild, es gehe jedoch bei einer Behinderung nur um einen Teilaspekt einer Gesamtheit, deshalb sei die Bezeichnung „Mensch mit Behinderung“ viel angebrachter. Was machen wir in diesem Fall mit allen Brillenträgern? Werden sie zu Menschen mit Sehschwäche? Ein Brillenträger hat schliesslich auch noch ganz viele andere Eigenschaften.

Beispiel 5

Apropos Behinderter … Natürlich geht es nicht nur um Männer, sondern auch um Frauen mit Behinderungen. Also um den Begriff „Behinderte/Behinderter. Mit einem simplen Schrägstich kann das Problem der Gleichstellung in diesem Fall gelöst werden. Was aber passiert mit „bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Ihren Apotheker“. Stellen Sie sich vor, dieser Satz würde gendergerecht formuliert – in welch schwindelerregendem Tempo würde er wohl am Fernsehen vorgelesen werden müssen?

Beispiel 6

Facility Manager, Store Manager, Familienmanagerin … Auch bei Berufsbezeichnungen sind wir in den letzten Jahren weit gegangen, damit sie – natürlich nur scheinbar – keine negativen Konnotationen in sich bergen. Wie aber erklären wir uns, dass die genannten Begriffe heute oft mit leicht ironischem Tonfall oder bestimmter Mimik einhergehen? Haben Sie nicht auch schon beobachtet, dass eine englische Berufsbezeichnung eher abwertend verwendet wurde? So müssten wir uns vielleicht wieder auf die Wurzeln besinnen. Denn unter Umständen nimmt man den guten alten Müllmann tatsächlich ernster als den Waste-Removal-Engineer.

 

Einmal mehr wird klar: Politische Korrektheit ist immer noch keine Frage roher Begrifflichkeiten, sondern eine Frage der inneren Haltung, die sich in einer angemessenen Sprache äussert. Und dass die Sprache gegebenenfalls auch zu angemessen werden kann, zeigen die genannten Beispiele.

 

Oder anders ausgedrückt: Politisch korrekt zu sein, bedeutet noch lange nicht, korrekt zu sein!

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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