Politisch (zu) korrekt – Teil 2
 Bild einer Packung Schokoköpfe mit dem Untertitel "Schaumwaffel mit Migrationshintergrund"

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 04.08.2017

Eine politisch korrekte Sprache ist der einzig richtige Weg, meint die breite Öffentlichkeit. Stimmt das wirklich? Gerne machen wir uns nochmals Gedanken.

Im letzten Blog …

… haben wir es bereits angesprochen. Die Idee der politisch korrekten Sprache ist in ihren Grundzügen sicher gut. Ihre Umsetzung aber gestaltet sich als gar nicht so einfach. Besonders spannend ist die Frage, wo die genannte Idee ihre Grenzen hat.

 

Beim Stöbern in diversen Artikeln zum Thema fällt auf, dass sehr viele Meinungsführer vor allem extreme Auswüchse der politisch korrekten Sprache infrage stellen.Noch spannender ist jedoch, dass sogar ein Trend gegen „Political Correctness“ im Sprachgebrauch feststellbar wird.

Tatsächlich gibt es sehr schlüssige Argumente für ein weitgehendes Aufheben von Standards im Rahmen politisch korrekter Sprache:

Eine Normierung ist nicht möglich

Gegner der politisch korrekten Sprache führen auf, dass sich die Idee an sich gar nicht wirklich umsetzen lasse. Eine Sprache sei einem steten Wandel unterworfen, dessen bewusste Steuerung nicht machbar sei. Ein zwanghafter Sprachwandel würde eine breite Masse gar nicht annehmen. Zudem würden Überanpassungen oft ins Lächerliche führen, was der ganzen Bewegung überhaupt nicht diene. Weiter sind Gegner einer Normierung der Ansicht, man könne Ausdrücke nicht einfach als abgenutzt taxieren, ohne dass dafür in der breiten Bevölkerung bereits ein Ersatz vorhanden sei. Es herrsche sonst einfach eine allgemeine Verunsicherung, die das eigentliche Problem nicht löse.

Es herrscht keine Einigkeit über korrekt oder nicht korrekt

Jene, die eine politisch korrekte Sprache ablehnen, machen eine weitere spannende Beobachtung: Oft taxiere man einen Ausdruck als politisch nicht korrekt, der von den Betroffenen gar nicht unbedingt als stigmatisierend wahrgenommen werde. So empfinde zum Beispiel der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland den Begriff „Zigeuner“ als diskriminierend. Fahre man aber mit dem Begriff „Roma“ nach Rumänien, werde dieser als scheinheilig taxiert. Die Betroffenen würden ins Feld führen, es komme darauf an, wie sie behandelt würden. Wie man sie nenne, sei sekundär.

Die Neutralität ist im Denken und nicht in der Sprache verankert

Diese Aussage führt uns auf eine dritte Argumentationsschiene gegen politisch korrekte Sprache. Es gehe nicht um die Wörter selbst, sondern darum, was ihnen die Menschen beimessen. Belastete Wörter könne man immer wieder ersetzen, das stigmatisierende Denken bleibe.

 

Um es in einfacherer Weise auf den Punkt zu bringen: Wie oft haben Sie schon gehört, wie man einem etwas wohlgenährten Baby einen eigentlich negativen Namen wie „Möpschen“ oder „Klösschen“ gegeben hat? Niemand stört sich daran, denn die Gesamtheit „zu schweres Kleinkind“ ist nicht negativ behaftet. Was passiert, wenn Sie denselben Ausdruck für einen Erwachsenen brauchen? In der Regel ist er viel negativer konnotiert. Es sei denn, Sie brauchen den Ausdruck absolut wohlwollend im Zusammenhang mit jemandem, den Sie sehr gut leiden können.

 

Das Beispiel zeigt, dass es nicht um die Wörter an sich geht, sondern, was wir uns dahinter vorstellen, wenn wir sie benutzen.

 

Eine politisch korrekte Sprache vollständig zu negieren erscheint uns nicht sinnvoll. Sich aber immer wieder vor Augen zu führen, dass ein reines Verbannen gewisser Wörter aus unserem Vokabular noch keinen eigentlichen Wandel herbeiführt, lohnt sich auf jeden Fall.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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