Politisch (zu) korrekt?
 Bild der sich verändernden Begriffe Penner - Obdachloser - Wohnungssuchender

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 06.07.2017

Die politisch korrekte Sprache scheint sich in unserer Gesellschaft definitiv zu verankern. Wir sind somit auf dem guten Weg. Oder etwa doch nicht immer?

Politische Korrektheit als Begriff

Der Begriff der politischen Korrektheit stammt ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum. Er entstand an den nordamerikanischen Unis der späten Sechzigerjahre und beinhaltet die Idee, dass Beleidigungen oder Kränkungen in Handlungen oder Sprache vermieden werden sollen. Vom Begriff der politischen Korrektheit besonders berührt sind die Themen Rasse und Geschlecht.

Politische Korrektheit in der Sprache

Beleidigungen oder Kränkungen finden ihre Nahrung ganz besonders in sprachlichen Elementen. So hat die Bewegung der politischen Korrektheit das Ziel, durch eine Änderung in der Sprache der Diskriminierung – insbesondere von ethnischen Minderheiten und Frauen – entgegenzuwirken. Auf den ersten Blick erscheint diese Vorgehensweise völlig plausibel. Dass wir heute von „Schwarzen“ oder „Menschen mit Down-Syndrom“ und von „Mitarbeitenden“ und nicht nur „Mitarbeitern“ reden, macht durchaus Sinn.

 

Im Fall der Schwarzen zum Beispiel war es notwendig, mit einem neuen Begriff eine Bezeichnung zu eliminieren, die einem Schimpfwort gleichkam und für jahrelange Diskriminierung stand. Auch im Beispiel des Down-Syndroms machte eine Begriffsänderung Sinn: Das Adjektiv „mongoloid“ zog implizit die Diskriminierung mongolischer Menschen nach sich. Ebenso schien es angebracht, in unsere Sprache in der Regel auch das weibliche Element unserer Gesellschaft einzubeziehen und somit wo immer möglich gendergerecht zu formulieren. In den genannten Beispielen folgen wir unserem gesunden Menschenverstand. Wo aber verlassen wir den vernünftigen Weg und gelangen mit unserem Streben nach politischer Korrektheit auf Irrwege?

Penner – Obdachlose – Wohnungssuchende

Wussten Sie zum Beispiel, dass man heute nicht mehr von Obdachlosen sprechen sollte? Der Begriff sei negativ konnotiert, man assoziiere ihn mit Schmutz, Krankheit, Betrunkenheit und Bettelei. Gehen wir hier nicht einen Schritt zu weit? Dass wir dazumal das Wort „Penner“ aus unserem Wortschatz verbannten, war angebracht. Laut Duden ist ein Penner entweder jemand, der zu viel schläft, eine Gelegenheit verpasst oder aber ein widerlicher, unangenehmer Mensch. Das Wort an sich ist also absolut nicht neutral. Die Definition trifft zwar vielleicht auf die mit dem Begriff gemeinte Bevölkerungsgruppe in gewisser Weise zu, betont aber nur negative Eigenschaften. Es ist somit richtig, die Bezeichnung aus unserem Wortschatz zu streichen.

 

Was aber ist am Obdachlosen falsch? Im Gegensatz zum Penner ist die Definition nämlich neutral und trifft auf alle Betroffenen zu: Die genannten Menschen haben kein Dach über dem Kopf. Was wir mit dem Begriff weiter assoziieren, ist letzten Endes unsere eigene Entscheidung.

Klar verstehen wir unter Obdachlosen eine Randgruppe und denken vielleicht auch an deren Eigenschaften wie Betrunkenheit, Bettelei oder Krankheit. Aber Hand aufs Herz: Sind das nicht Tatsachen? Und ist es nicht entscheidend, wie wir diese Tatsachen werten?

 

Können oder müssen wir unsere Assoziationen mit einer neuen Worthülse beseitigen, wenn es um Tatsachen geht? Das Wort „Wohnungssuchender“ wird sich einbürgern, und letzten Endes werden wir auch dieses mit Betrunkenheit, Bettelei und Krankheit gleichsetzen. Ganz zu schweigen davon, dass die Definition „Wohnungssuchender“ gar nicht zu allen Obdachlosen passt … Geht es nicht letzten Endes um eine innere Haltung, die man nicht mit simplen Begriffsänderungen steuern kann? Um Vorurteile, die auch bestehen, wenn man Randgruppen einen neuen Namen gibt? Oder ganz provokativ: Würden wir einen Wohnungssuchenden ganz intensiv betreuen und ihm ohne jegliche Vorurteile begegnen – könnten wir ihn nicht auch liebevoll Penner nennen?

 

Anders gefragt: Wann entspricht politisch korrekte Sprache wirklich einem inneren Anliegen und wann geht es einfach um ein Jonglieren mit leeren Worthülsen zur Beruhigung des schlechten Gewissens?

 

Gerne dürfen auch Sie zu diesem brisanten Thema Ihre Meinung äussern. Teilen Sie uns Ihre Gedanken im Kommentarfeld mit.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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2 von 2 Kommentaren

Detlef, Donnerstag, 14. September 2017 13:40

Aber Meinung nach geht der Begriff Wohnungssuchende in eine völlig falsche Richtung. Wie nennen sich den dann Menschen, die nicht das Schicksal eines Obdachlosen haben und eine Wohnung suchen, z.B. Familien, Studierende etc.

 

Und wenn über Obdachlose diskutiert wird und in der Diskussion von Wohnungssuchenden die Rede ist, woher wei� ich wer gemeint ist?

 

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Nicole Hunziker, Donnerstag, 21. September 2017 17:29

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