Neue Medien und die Verschriftlichung der Mundart
 SMS-Text in Mundart

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 17.01.2019

Kommunizieren auch Sie in den Neuen Medien auf Mundart? Oder werden Sie in der Online-Kommunikation zumindest mit Dialektmeldungen konfrontiert?

 

Willkommen in diesem Fall in einer linguistischen Revolution, deren Ende sich noch nicht abzeichnet.

 

Bis jetzt war für uns sonnenklar: In Texten auf jeden Fall und – wenn Hochsprache verlangt ist – auch mündlich sollen wir uns mehrheitlich in korrekter Standardsprache ausdrücken. Mundart hat zwar Platz, aber nur dann, wenn sie als solche deklariert wird. Wir dachten in diesem Zusammenhang zum Beispiel an einen Mundartausdruck in der Werbung oder ein Zitat, das im passenden Dialekt verfasst wird.

 

Einen Aspekt aber liessen wir vollkommen ausser Acht: die Kommunikation in den neuen Medien.

 

Gerade von der jüngeren Generation werden Social-Media-Posts oder auch SMS sehr oft in Mundart verfasst. Diesem Trend können wir nicht mehr entgegenwirken. Er ist Teil einer neuen sprachlichen Realität. Seit der Generation, die von Beginn weg mit Smartphone, PC und Tablet aufgewachsen ist, ist Schweizerdeutsch keine Varietät mehr, die nur gelegentlich in der Schriftsprache vorkommt.

 

Neue Medien haben in unserem Alltag Einzug gehalten. Seither schreiben wir wieder mehr und auch ganz anders als noch zu Grossmutters Zeiten. Besonders spannend innerhalb dieser Andersartigkeit in der Schweiz ist, dass sich unsere Mundart verschriftlicht. Gerade jüngere Nutzerinnen und Nutzer von Neuen Medien verbinden mit dieser Verschriftlichung der Mundart viele Vorteile: Sie finden, man schreibe leichter, spontaner, authentischer. Es gebe weniger „Klassenunterschiede“ und auch kaum Angst vor Fehlern. Das sei eine völlig neue Herangehensweise ans Thema Schreiben, das in früheren Zeiten doch oft sehr viel Stress bedeutete.

 

Die neue Schriftlichkeit ist einigen – und gerade der älteren Generation – immer noch fremd. Viele von uns kannten als schriftliches Ausdrucksmittel nur das Hochdeutsche und tun sich deshalb oft schwer mit dem neuen Phänomen, mit dem sie immer öfter konfrontiert werden. Dass nämlich plötzlich auch Eltern, Lehrer oder Tanten mit Dialekt-Meldungen in Kontakt kommen, verdeutlicht, dass die Verschriftlichung der Mundart fröhlich ihren Lauf nimmt.

 

Dagegen wehren können und müssen wir uns auch nicht. Dennoch ist es spannend, mal genauer zu überlegen, wohin die Entwicklung führen könnte.

 

Die klare Abgrenzung und das konkurrenzlose Nebeneinander, von denen am Anfang dieses Blogs die Rede war, geraten ins Wanken. Gerade für das Standarddeutsch ist dies nicht unbedingt nur von Vorteil. Es bekommt einen Gegenspieler, der Raum einnimmt. Und es wird somit in gewisser Weise verdrängt. Gerade im emotionalen, persönlichen Bereich hat es immer weniger Verwendung. Dies zieht zweifellos auch einen vermehrten Verlust der hochdeutschen Sprachkompetenz mit sich.

 

Könnte es sogar sein, dass sich im Rahmen des Einzugs der Neuen Medien in der Schweiz die Mundart auch im Schriftlichen so durchsetzt, dass Dialekt und Hochsprache irgendwann ähnliches Gewicht haben, gleich wie im mündlichen Sprachgebrauch?

 

Und werden wir irgendwann mal neu definieren müssen, was wir als Sprachkompetenz erachten? Müssen wir sogar eine Mundart-Grammatik verfassen?

 

Im Moment können wir solche Fragen noch nicht beantworten. Dennoch lohnt es sich, den neuen Trend gut zu beobachten. Und sicher schadet es nicht, sich – ohne den Einzug der Mundart im Schriftlichen abzulehnen – immer wieder aktiv mit der Schriftsprache auseinanderzusetzen, um dieser weiterhin mächtig zu sein.

 

So können Sie zum Beispiel Zeitung lesen, hochdeutsche E-Mails verfassen oder sich auch einfach unseren Blog zu Gemüte führen. :-)

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 

 
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