Schweizer Hochdeutsch – regionale Ausprägung oder Katastrophe?
 Comicbild mit Beispielen von Mundart

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 15.11.2018

Mündlich drücken wir uns anders aus als unsere nördlichen Nachbarn. Die Kernfrage: Welche Unterschiede sind legitim und welche nicht?

Mundart im schriftlichen Ausdruck

Über Mundart in schriftsprachlichen Texten haben wir uns in früheren Blogs bereits geäussert. Sie kennen unsere Meinung: Wir sprechen uns im Rahmen des schriftlichen Ausdrucks für ein absolut korrektes Hochdeutsch aus. Selbstverständlich darf dieses regionale Ausprägungen beinhalten, so lange diese als solche im Duden Aufnahme gefunden haben. Gegen „künden“ oder „parkieren“ ist also nichts einzuwenden. Wenn jedoch Mundartausdrücke in Texten Einzug halten, die nichts mit Standardsprache zu tun haben, dann sollten diese immer irgendwie gekennzeichnet werden. Entweder verwenden Sie hierfür Anführungs- und Schlusszeichen oder aber erklären im Text selbst in irgendeiner Form, dass es sich bei Ihrem Ausdruck oder Ihrer Passage um Mundart handelt. Werden diese Regeln eingehalten, wird der Mundart gezielt ein Platz eingeräumt, was wir als wichtig und richtig erachten.

 

Folgende Beispiele zur Illustration:

 

Das „Fangis“ als letztes Spiel war für alle Kinder der Höhepunkt. (Kennzeichnen des Mundartausdrucks mit Anführungs- und Schlusszeichen.)

 

In seinem breiten Dialekt meinte der Bauer: „Es isch haut geng e Chrampf“. Dass es sich um eine sehr strenge Arbeit handelt, leuchtet auch uns ein. (Kennzeichnung und Erklärung des Mundartausdrucks.)

Mundart im mündlichen Ausdruck

Wie aber verhält es sich mit dem mündlichen hochsprachlichen Ausdruck? Muss dieser ebenso korrekt sein wie unser Ausdruck in Texten oder sind wir allgemein etwas nachsichtiger, wenn jemand nicht reines Hochdeutsch spricht?

 

Bevor wir unsere Ansicht bekanntgeben, einige Beispiele aus einem Vortrag in einer Berner Gemeinde zum Übertritt in die Sekundarstufe:

  • Sie werden das ganze Gebrösmel in einem Jahr nochmal hören.
  • Es soll nicht sein, dass sie dann den Ablöscher haben.
  • Kinder, wo älter sind, haben es einfacher.
  • Es sollte einfach kein Gemurks sein.
  • Das gibt halt ein Punkt Abzug.
  •  Das hätte man mir nie verzogen.

Dass es sich beim Redner um eine Person mit Muttersprache Schweizerdeutsch handelt, muss hier nicht mehr angefügt werden. Dennoch stehen uns bei diesen Beispielen die Haare zu Berge. Denn unsere Meinung bleibt auch im Rahmen des Mündlichen dieselbe: Das Hochdeutsch soll korrekt sein! Schweizerdeutsch als Muttersprache ist keine Entschuldigung für fehlerhaften Ausdruck in der Standardsprache. Und Mundartausdrücke sind wie in schriftlichen Texten nur erlaubt, wenn sie als solche deklariert werden.

 

Dass wir in unserem Ausdruck als Schweizerinnen und Schweizer erkannt werden, ist grundsätzlich kein Problem. Aufgrund unseres Akzentes und vieler Helvetismen ist unser Hochdeutsch ein spezielles, was an sich keinerlei Nachteile mit sich bringt. Dass wir „grillieren“ und nicht „grillen“ oder ins „Spital“ und nicht ins „Krankenhaus“ fahren, gehört also zu uns wie Käse oder Schweizer Uhren. Die Schweizer Ausdrücke, die im Duden längst Einzug gehalten haben, sind unserer Meinung nach – gleich wie im schriftlichen Ausdruck – unproblematisch. Ganz im Gegenteil, sie unterstreichen, dass wir in einer anderen deutschsprachigen Region leben als unsere Nachbarn im Norden. In diesem Kontext können wir auch ruhig einen Schweizer Akzent haben.

 

Problematisch wird es in unseren Augen erst dann, wenn wir ständig mit Mundartausdrücken um uns schlagen, die absolut nichts mit Standard-Hochsprache zu tun haben, und diese nicht als solche deklarieren oder –noch viel schlimmer – gar nicht merken, dass es sich um solche handelt. Oder wenn wir im mündlichen Ausdruck schlicht und einfach Fehler machen – und zwar zum Teil haarsträubende: Fall- oder Konjugationsfehler zum Beispiel. Hier hört für uns der Spass auf, denn es gibt nun mal „einen“ und nicht „ein“ Punkt Abzug, und das Partizip von verzeihen ist „verziehen“ und nicht „verzogen“.

Schule als Lernplattform

Nach uns darf es nicht sein, dass uns ein korrektes gesprochenes Hochdeutsch abhandenkommt. Gerade in den Schulen wird bekanntlich sehr viel Wert auf die Standardsprache gelegt, sie sollte somit auch möglichst fehlerfrei vermittelt werden. Oder würde es uns je in den Sinn kommen, einen Mathematiklehrer zu engagieren, der der Mathematik nicht mächtig ist?

 

Für alle, besonders natürlich für Fremdsprachige, ist enorm wertvoll, wenn sie guten Beispielen folgen können. Wenn sie einen Akzent lernen, der zwar vielleicht schweizerisch ist, nicht aber klingt wie jener eines Bergbauern. Und wenn sie in Sachen Grammatik und Vokabular einen klaren Unterschied zwischen Dialekt und Hochsprache erkennen.

 

Wir holen in der korrekten deutschen Sprache nun mal das und nicht den Lineal und dafür den und nicht das Bleistift, und wir springen nicht, wenn wir schnell sein wollen – wir rennen. Weiter kann uns etwas nicht ring gehen, nein, es fällt uns leicht.

 

Im Prinzip ist die Schule jene Plattform, die uns allen den korrekten hochdeutschen Ausdruck vermitteln sollte. Es wäre unserer Ansicht nach wünschenswert, wenn diese Aufgabe seriöser angegangen und angehende Lehrerinnen und Lehrer gezielter geschult würden.

 

Denn ist es nicht sonderbar, wenn wir den Eindruck haben, unsere Kinder würden nur noch von den Medien ein richtiges Hochdeutsch lernen?

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 

 
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