Kulturelle und systemische Unterschiede in der Übersetzung
 Foto von verschiedenen Länderflaggen.

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 22.09.2016

Fehlende 1:1-Entsprechungen in unterschiedlichen Sprachen sind sehr oft auf kulturelle und systemische Unterschiede zurückzuführen.

 

In unseren letzten Beiträgen haben wir die Problematik fehlender Entsprechungen im Rahmen der Übersetzungsarbeit beleuchtet. Besonders sichtbar wird sie in den Bereichen Werbung und Redewendungen respektive Sprichwörter.

 

Sehr oft machen sich fehlende Entsprechungen jedoch auch im Rahmen kultureller Unterschiede oder aufgrund von Differenzen zwischen Systemen zweier unterschiedlicher Sprachregionen bemerkbar. Auch hier ist die Übersetzerin oder der Übersetzer sehr gefordert.

 

System und Kultur stimmen überein

Übersetzen wir einen Text mit Wurzeln in der französischsprachigen Schweiz für Deutschschweizer Leser, sind die zu übertragenden Elemente dem Zielpublikum in der Regel bekannt. Kulturelle und systemische Unterschiede sind gering oder überhaupt nicht vorhanden. Ein Käsefondue bleibt ein Käsefondue, die Direktzahlungen für Landwirte sind in Genf und Bern dieselben. Und Fahrlässigkeit als Vergehen wird in beiden Regionen gleich definiert. West- und Deutschschweiz unterliegen demselben Rechtssystem, sind in der gleichen politischen Landschaft angesiedelt, und auch kulinarisch gelten ähnliche Grundsätze.

 

System und Kultur sind unterschiedlich

Was aber geschieht mit dem Fondue, den Direktzahlungen und der Fahrlässigkeit, wenn wir den gleichen Ausgangstext in die chinesische Sprache übertragen sollen? Die Chinesen kennen wahrscheinlich weder Fahrlässigkeit noch Direktzahlungen geschweige denn Käsefondue. Wir sind also gezwungen, unsere Übersetzungen so anzupassen, dass das chinesische Zielpublikum die übersetzten Elemente versteht. Sehr oft bedingt dies zusätzliche Erklärungen, was eine Übersetzung womöglich besser verständlich, jedoch nicht unbedingt leserfreundlicher macht.

Kulturelle und systemische Unterschiede zeigen sich oft auch nur in Nuancen, deren Übertragung besonders anspruchsvoll ist.

 

Was machen wir zum Beispiel mit der italienischen Siesta, wenn wir darüber in einem japanischen Text berichten? Die extrem lange Siesta in südeuropäischen Ländern, während derer die Läden geschlossen bleiben, ist Teil eines Tagesrhythmus, den es in Japan in dieser Form sicher nicht gibt. Klar können wir einfach mit „Mittagspause“ übersetzen, aber verstehen die Japaner folgende Übersetzung?

 

Von 13.00 bis 16.30 Uhr war Siesta angesagt. Die Läden blieben geschlossen.

 

In rein sprachlicher Hinsicht verstehen die Japaner die Übersetzung sicher, können sie letztere jedoch inhaltlich nachvollziehen? Eine Mittagspause und geschlossene Läden während dreieinhalb Stunden? Es ist also angebracht, den italienischen Siesta-Begriff näher zu erläutern. Die Erklärung muss aber knapp gehalten werden, da wir in einem Zieltext ja nicht beliebig viele Elemente hinzufügen können.

 

Mr. Translator muss sich also wieder mal was Besonderes einfallen lassen. Er entscheidet sich zum Schluss für folgende Lösung:

 

Von 13.00 bis 16.30 Uhr war die typisch italienische Siesta, eine lange Mittagspause, angesagt. Die Läden blieben wie immer geschlossen.

 

Im erwähnten Beispiel ist der Übersetzungsweg Italien-Japan lang. Hürden ergeben sich aber oft auch bereits auf kürzeren Strecken und zwischen Regionen, in denen kulturelle und systemische Unterschiede vermeintlich nicht gross sind.

 

Was stellt Mr. Translator zum Beispiel mit folgender Information im Rahmen einer Englisch-Deutsch-Übersetzung eines Seminarprogramms an?

 

17:00 h Reception Tea

 

Auch hier handelt es sich um einen systemeigenen Begriff, der nur in Grossbritannien von Bedeutung ist. Da das Seminar in London stattfindet, möchte Mr. Translator den Begriff aber auch nicht einfach nur erklärend übersetzen. Er nimmt an, dass das Zielpublikum mit dem Konzept „Reception Tea“ vertraut werden soll, um eine Besonderheit des Gastlandes kennenzulernen.

 

Er entscheidet sich schliesslich für folgende Lösung:

 

17:00 h Reception Tea (englischer Stehempfang mit Tee)

 

Und erneut heisst es: entschlüsseln und wieder verschlüsseln

Sie sehen – kulturelle und systemische Unterschiede machen die Übersetzungsarbeit immer wieder zu einer spannenden Angelegenheit. Und auch hier gilt das gleiche Prinzip wie für andere Fälle fehlender Entsprechungen: Die Übersetzerin oder der Übersetzer muss das Element im Originaltext zuerst überhaupt verstehen. Ohne Kenntnis der britischen Teekultur zum Beispiel sind wir doch im Dschungel von „High Tea“, „Afternoon Tea“, „Good Morning Tea“ und „Light Tea“ heillos überfordert.

 

In einem zweiten Schritt geht es dann darum, eine Übersetzungseinheit in ein für das Zielpublikum verständliches Element umzuwandeln, ohne den Text unnötig schwerfällig oder lang zu gestalten.

 

So kann Mr. Translator den „Nachmittagstee“ oder den „Gutenmorgen-Tee“ vielleicht noch 1:1 übersetzen, mit den Begriffen „hoher Tee“ oder „leichter Tee“ jedoch werden die Deutschsprachigen kaum etwas anfangen können.

Und sie erkennen einmal mehr: Übersetzen auf Knopfdruck wie es Google Translator so schön anpreist, entspricht kaum je der Realität – wir danken deshalb erneut bereits jetzt für Ihre Geduld und Ihr Verständnis, wenn Ihr Übersetzungsauftrag länger in Bearbeitung ist oder auch etwas teurer zu stehen kommt als angenommen.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 
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