Wo bleibt denn da die Höflichkeit?
 Foto von einem Mailtext, der nur Abkürzungen enthält.

geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 10.06.2015

Höflichkeit beim Schreiben ist nicht mehr so wichtig. Die schriftlichen Umgangsformen werden immer undefinierter – unsere Gedanken zu diesem Thema.

 

E-Mail an einen Kunden

 

Sehr geehrter Herr M.

 

Vielen Dank für Ihre Nachricht und den Auftrag. Könnten Sie uns bitte noch Ihr Wunschdatum für die Lieferung der Übersetzung mitteilen? Wir werden dann prüfen, ob dieses realistisch ist.

 

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

 

Freundliche Grüsse

 

GLOBAL TRANSLATIONS

 

[2 Minuten später]

 

Antwort des Kunden

 

asap*

 

* steht für ENG as soon as possible > DEU so schnell wie möglich

 

Gut. Alles klar. Wir haben es verstanden. „Asap“ ist im Prinzip auch genau die Information, die wir benötigen, damit wir den Auftrag bearbeiten können. Trotzdem sind wir etwas enttäuscht über die Umgangsform in dieser knappen Antwort. Die Nachricht enthält weder eine Begrüssung am Anfang noch einen höflichen Gruss am Schluss, geschweige denn ein „Dankeschön“, das zeigt, dass unsere Arbeit und die Nachfrage nach dem gewünschten Liefertermin geschätzt werden. Dass die Worte in der Nachricht nicht einmal ausgeschrieben, sondern lediglich in einer Abkürzung daherkommen, die vielleicht nicht allen geläufig ist, ignorieren wir jetzt einfach mal.

Höflichkeit vs. Schnelligkeit

In der heutigen Zeit kann es ja nie schnell genug gehen. Gerade in unserer Branche muss eine Übersetzung am besten schon beim Kunden sein, bevor überhaupt der Ausgangstext fertiggestellt wurde. Wer hat da also noch Zeit, sich hinzusetzen und eine Nachricht zu verfassen, die überdies noch „unnötige“ Freundlichkeiten enthält?

 

Ein Argument für Schnelligkeit ohne Höflichkeit ist, dass man dem Empfänger – der ja bestimmt selber auch keine Zeit hat – lange und schwerfällige Floskeln ersparen und sich deshalb auf das Wesentliche beschränken möchte. Da lässt man lieber einmal ein „Sehr geehrte/r …“ oder ein „Freundliche Grüsse“ weg und entscheidet sich stattdessen – wenn überhaupt – für „Hallo“ und „mfg“. Waren Höflichkeiten im schriftlichen Ausdruck früher noch eine Selbstverständlichkeit, so gelten sie heute eher als Exoten unter den modernen Schreibweisen und Abkürzungen. Expertinnen und Experten beobachten einen Übergang der privat gängigen Anrede- und Grussformeln in geschäftliche Schreiben, obwohl dieser private Umgangston meist knapp ist und manchmal sogar etwas schroff wirken kann.

 

Wir sehen das Ganze grundsätzlich eigentlich eher locker und haben generell nichts gegen ein „Hallo“ oder „LG“ in geschäftlichen E-Mails – solange der Ton des Schreibens freundlich und respektvoll bleibt. Trotzdem finden wir, dass klar unterschieden werden muss: Handelt es sich um einen langjährigen Kunden, mit dem viele E-Mails ausgetauscht werden, kann man gut mal auf ein „Freundliche Grüsse“ verzichten und die Nachricht vielleicht mit einem „Bis später“ auflockern. Auch kann der Text unserer Meinung nach je nach Inhalt ab und zu mit einem freundlichen Smiley versehen werden :-). Hier muss jedoch ebenso nach Wichtigkeit eines Schreibens differenziert werden: Geht es im E-Mail beispielsweise um einen Vertragsabschluss, so ist die Umgangsform selbstverständlich diesem Niveau angepasst.

Privatwelt vs. Berufswelt

Nicht nur im beruflichen Bereich wird die Entwicklung zu immer kürzeren und undefinierteren Nachrichten beobachtet. Auch im Privaten wird der schriftliche Austausch stets minimalistischer, und oft verwendet man heutzutage anstelle von Worten sogar nur noch sogenannte Emoticons – verschiedenste Bilder, mithilfe derer man sich bestens ausdrücken kann. Natürlich tragen zur erwähnten Veränderung – wie so oft – die neuen Medien ihren Teil bei.

 

Auch wir gehen mit der Zeit und möchten kurze und weniger formelle Schreiben oder Bilder und Symbole leben lassen. Wichtig ist uns wie erwähnt lediglich eine klare Anpassung der Ausdrucksweise an das Niveau des Textes und an die Beziehung mit dem Empfänger. Und gerade im Privatbereich hegen wir doch ab und zu den stillen Wunsch, dass man je nach Kontext gute Umgangsformen im schriftlichen Ausdruck pflegt oder sich vielleicht sogar mal wieder hinsetzt und jemandem einen Brief schreibt. Dieser wird automatisch einen höflicheren Umgangston beinhalten. Denn wäre es nicht toll, unter all den Rechnungen auch ab und zu einen privaten Brief mit einigen wohlformulierten und respektvollen Zeilen aus dem Briefkasten zu fischen?

 

Hochachtungsvoll

Ihr GT-Team :-)

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Myriam Cavegn, Nicole Hunziker

 

 

 

 
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