Übersetzung und Fachwissen
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geschrieben von GLOBAL TRANSLATIONS am 03.03.2016

Übersetzung erfordert lediglich ausgezeichnete Sprachkenntnisse – ein weit verbreiteter Irrtum! Fachwissen ist sehr oft ebenso wichtig wie Sprachkompetenz.

 

Sie erinnern sich vielleicht an Mr. Translator und seinen Kampf mit einem Bankterminus, dessen Konzept er erst nach einer guten halben Stunde herausfiltrieren und somit für den Begriff erst dann die passende Übersetzung finden konnte.

Sprach- und Sachkompetenz

Es ist selbstverständlich richtig, dass Übersetzerinnen und Übersetzer immer über ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse verfügen und vor allem auch ihre Muttersprache perfekt beherrschen müssen. Leider aber reichen diese Kompetenzen in vielen Fällen nicht aus, um den Übersetzeralltag ohne Probleme zu meistern. Fast ebenso wichtig wie die Sprach- ist nämlich die Sachkompetenz der Übersetzenden, also deren Fachwissen. Dieser Punkt wird von Laien in den meisten Fällen völlig unterschätzt.

 

Klar gibt es viele allgemeinsprachlich gehaltene Texte. Zahlreiche Übersetzungsaufträge haben jedoch fachspezifischen Inhalt. Wir denken hier zum Beispiel an juristische, medizinische oder technische Texte sowie Texte aus der Finanzwelt oder der Wirtschaft. Selbst wenn Übersetzerinnen und Übersetzer sprachlich auf höchstem Niveau sind, können solche Übersetzungen oder auch nur fachspezifische Passagen eines Textes riesige Hürden bedeuten. Wenn der Übersetzerin oder dem Übersetzer das Fachwissen fehlt, wird die Arbeit sofort sehr aufwendig. Manchmal könnten Erklärungen des Kunden weiterhelfen, die Fristen sind jedoch oft kurz, und es ist deshalb nicht immer möglich, mit dem Kunden überhaupt in Kontakt zu treten. Dann muss ein Text oder eine Textstelle mittels umfangreicher Recherchen entschlüsselt werden. Und nicht selten hat man ein Konzept nach arbeitsintensiven Nachforschungen zwar in der Fremdsprache begriffen, investiert dann aber nochmals viel zu viel Zeit, um die geeignete Übersetzung zu finden.

Entschlüsseln …

Stellen Sie sich schon nur mal vor, eine Übersetzerin oder ein Übersetzer müsste in ihrer respektive seiner Muttersprache erklären, wie irgendein spezieller Handgriff im Rahmen Ihrer beruflichen Tätigkeit genau funktioniert. Sind Sie vielleicht Spengler und hantieren mit speziellen Werkzeugen? Oder sind Sie eine Chemielaborantin, die tagtäglich komplexeste Prozesse überwacht?

 

Wie soll die Übersetzerin oder der Übersetzer ohne Fachwissen alle Begriffe, die Sie als Expertin oder Experte tagtäglich verwenden, in einer anderen Sprache gleichermassen kennen? Und wie soll die Sprachspezialistin oder der Sprachspezialist überhaupt wissen, wie ein bestimmter Handgriff genau abläuft. Klar könnte die Übersetzerin oder der Übersetzer mit viel Aufwand Informationen über Ihren Beruf sammeln oder gewisse Begriffe auf dem Internet oder in Wörterbüchern nachschlagen. Sehr oft reichen aber auch die besten Informationen, Fachwörterbücher und Glossare nicht aus, um ein Spezialgebiet richtig zu verstehen. Nun könnten Sie die Versuchsanordnung im Chemielabor vielleicht noch erklären. Oder die Werkzeuge des Spenglers beschreiben. Dann aber weiss Ihr übersetzendes Gegenüber eventuell immer noch nicht, wie Ihre Erklärungen in der Muttersprache genannt werden.

… und wieder verschlüsseln

Dies ist die zweite Hürde bei mangelndem Fachwissen: Selbst wenn ein Fachtext entschlüsselt werden kann – wie lauten die genauen Entsprechungen in der Muttersprache? Auch wenn also die Hauptanliegen des Anklägers im juristischen Text verstanden wurden, müsste eine Übersetzerin oder ein Übersetzer sattelfest sein, um die gleiche Aussage in der Muttersprache mit allen juristischen Formen und Floskeln wieder zu verschlüsseln.

 

Sobald Texte fachspezifisch werden, muss also zwingend Fachwissen vorhanden sein. In der Tat ist es in der Praxis auch so, dass Fachtexte immer von Fachübersetzerinnen und Fachübersetzern bearbeitet werden. Und selbst diese müssen manchmal noch umfangreiche Recherchen anstellen oder nachfragen, um gewisse komplexe Textstellen abschliessend zu verstehen.

 

Nun werden jedoch Übersetzerinnen und Übersetzer ohne spezifisches Fachgebiet immer wieder mit einfachen Texten konfrontiert, die lediglich einzelne fachspezifische Passagen enthalten. Oder aber Fachübersetzerinnen und Fachübersetzer finden im Text, der zu ihrer Spezialisierung gehört, eine Passage aus einem ganz anderen Fachgebiet.

Hier gelangen selbst sehr erfahrene Berufsleute manchmal an ihre Grenzen. Gleichzeitig aber sind es genau jene Hürden, die die Übersetzertätigkeit vielseitig machen. Und oft gleicht das Übersetzen dann der Arbeit einer Forscherin oder eines Detektivs: Man recherchiert, sucht nach Bildern, wühlt in Paralleltexten, fragt Sachverständige, bis man sich im Dschungel orientiert und eine Lösung gefunden hat. In solchen Fällen steht die Sprache dann völlig im Hintergrund – kaum zu glauben, aber dennoch Tatsache.

 

Autorinnen: Tatjana Greber-Probst, Nicole Hunziker, Myriam Cavegn

 

 

 

 
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