Mitarbeiter-Interview: Michelle
Ohne meine mehrsprachige Familie ...

... wäre ich nie Übersetzerin geworden.
 
Michelle Joyce hat ihre berufliche Laufbahn in der Redaktion der Schweizerischen Teletext AG lanciert, dem zu seiner Zeit wichtigsten nationalen, elektronischen und mehrsprachigen Medium. Sie verfolgt mit Leidenschaft das Zeitgeschehen, hat einen neugierigen Geist und die Faszination für Neues. Michelle lebte unter anderem in London, wo sie für internationale Organisationen arbeitete und so ihr sprachliches Können anwenden konnte. Erst später begann sie mit dem Übersetzen. Eine Leidenschaft, die sie seither täglich begleitet.

PR-Redaktorin, später Übersetzerin: Michelle, erzähl uns doch bitte, wie du diese zwei Berufe ausgewählt hast.
Ich mochte es schon immer, mich zwischen den Sprachen und ihren Kulturen zu bewegen. Tatsächlich bin ich in einem mehrsprachigen Umfeld aufgewachsen: Zuhause sprachen wir zwei Sprachen, Englisch und Französisch. Zudem kommt ein Teil meiner Familie aus der Deutschschweiz. Ich habe mich also schon immer in einem vielsprachigen Umfeld bewegt, in dem es selbstverständlich war, von der einen in die andere Sprache zu wechseln. Meine journalistische Ausbildung ist mir heute nach wie vor eine grosse Hilfe. Zum einen ist das Schreiben fester Bestandteil des Übersetzerinnenberufs. Es ist unser Werkzeug, unser tägliches Brot. Zum anderen erfordert Übersetzen ganz klar sprachliche Fähigkeiten, Neugier und Genauigkeit und einen guten Kommunikationssinn: Es handelt sich um inhärente Qualitäten des Übersetzerinnenberufs, die ich bereits in der Medienwelt genutzt hatte. Dort habe ich gelernt, mich gegenüber den Anderen zu öffnen und war mit neuen Denk- und Ausdrucksweisen konfrontiert. Es ist auch vorgekommen, dass ich von deutsch- und italienischsprachigen Kolleginnen und Kollegen Newsartikel übersetzen musste.

Wie erklärst du dir deinen Werdegang, der das Schreiben als Konstante aufweist?
Die Entwicklung hin zum Übersetzerinnenberuf hat sich schrittweise ergeben und bis zu einem gewissen Grad auch ungewohnt, da ich auf eigene Rechnung anfing. Erst danach hat sich die Gelegenheit ergeben in einem Übersetzungsbüro zu arbeiten, sprich für GLOBAL TRANSLATIONS, meinen jetzigen Arbeitgeber. Für mich war diese Gelegenheit wie ein „Schicksalsgeschenk": Jeder Arbeitstag ist anders als der vorangegangene, jeder bringt neue Herausforderungen und eine grosse Text- und Kundenvielfalt. Dadurch erhalte ich viel Genugtuung – sei es auf professioneller oder menschlicher Ebene. Dieser Aspekt ist nicht unwesentlich, denn selbstständig zu sein, ist reizend. Doch man läuft auch Gefahr, sich in seinen eigenen vier Wänden einzuschliessen und sich von der Welt abzukapseln.

Der Beruf als Übersetzerin kann einen sehr einnehmen. Welche Anforderungen muss eine Übersetzerin erfüllen?
Meine Arbeit kann mich phasenweise sehr vereinnahmen: Es ist eine Schreibarbeit, die Recherchen und Überprüfungen zum behandelten Thema erfordert, vor allem aber ein Flair für Sprachen. Übersetzen verlangt auch viel Konzentration, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Und dieses lautet: Dem Ausgangstext treu zu bleiben und alle Subtilitäten und Betonungen wiederzugeben.

„Ich bringe dieselbe Begeisterung für ein Foto auf, ob es nun von einer Jugendlichen aus meinem Umfeld gemacht oder auf den sozialen Netzwerken geteilt wurde. Es ist die Subjektivität des Blicks, die mich interessiert. Es ist immer wieder neu, frisch, faszinierend und deshalb bereichernd."

Wie lädst du deine Batterien wieder auf?
Um den Kopf freizubekommen, widme ich mich mehreren Hobbys. Zuletzt habe ich mit Fotografieren angefangen. Wie so viele Leute habe ich mich daran gewöhnt, bei der kleinsten Gelegenheit mein Smartphone zu zücken, sobald sich eine interessante oder ungewöhnliche Sache ereignet. Doch seit mehreren Monaten nimmt dieses Hobby immer mehr Platz in meinem Leben ein. Kürzlich habe ich mir einen neuen Fotoapparat gekauft. Abgesehen von meinen eigenen Fotos habe ich viel Freude, fotografische Arbeiten von anderen zu entdecken, sei es von Profis oder Amateuren wie ich eine bin. Aus diesem Grund besuche ich viele Ausstellungen. Diesen Sommer zum Beispiel war die Fotografie mein Leitmotiv. Ich bin in der Provence in die Rencontres de la photographie d’Arles eingetaucht. Das waren vier leidenschaftliche Tage. Meine Augen waren entzückt von der Kreativität der zahlreichen, teils sehr engagierten Fotografen aus aller Welt. Ich habe in Arles nicht zuletzt Arbeiten zu einem aktuellen und sehr schmerzlichen Thema entdeckt: Migrantinnen und Migranten. Aus solchen Ausstellungen kommt man nicht unversehrt zurück.
 
Wann gibt Dir der Übersetzerinnenberuf am meisten Zufriedenheit?
Die Suche nach Neuem zieht sich persönlich und beruflich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich liebe es, einen neuen, noch zu übersetzenden Text zu entdecken und danach zu streben, der Absicht des Autors so nahe wie möglich zu kommen. Es ist immer wieder aufs Neue eine Herausforderung, ein neues Bündel zum sich Herantasten und Recherchieren und gelegentlich folgt dann die Krönung: ein befriedigendes Feedback vom Kunden. Derartige Rückmeldungen erwärmen mir das Herz und motivieren, mich weiter zu verbessern. Auch hier habe ich viel Glück. Denn meine Arbeitgeberin ermöglicht es mir, Weiterbildungen des Schweizerischen Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscherverbands ASTTI in Bern zu besuchen. Es ist die Gelegenheit, Berufskolleginnen und -kollegen zu treffen und von ihnen zu lernen.

Abschliessend noch einige kurze Fragen:
Welches Buch hat dich in deiner Kindheit geprägt?
Ein Buch über das Leben von Helen Keller, das ich in der Primarschule erhalten habe. Eine blinde und taubstumme Frau, die trotz ihres schweren Handicaps aussergewöhnliche Kompetenzen zum Kommunizieren entwickelte. Seit ich acht war, habe ich dieses Buch immer wieder gelesen. Die Charakterstärke dieser Frau ist für mich eine echte Inspiration.

Und welches Buch hat dich im Erwachsenenalter geprägt?
Zweifellos die Biographie von Nelson Mandela. Auch hier: ein einzigartiger Lebensweg, sehr speziell und geprägt durch eine aussergewöhnliche Widerstandskraft. Ich bin im Allgemeinen an Lebensverläufen interessiert. Jeder hat etwas Interessantes zu erzählen; vorausgesetzt er ist bereit, sich dem Gegenüber zu öffnen und mit ihm zu teilen. 

Welches sind deine Vorbilder?
Bekannte und unbekannte Leute, die es wagen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich diesen beharrlich zu bahnen. Solche Leute inspirieren mich, egal ob es sich um Personen aus meinem Umfeld oder der Öffentlichkeit handelt. Der Pioniercharakter ihrer Arbeit und wie sie versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Das inspiriert mich und gibt mir Kraft und Lust auch in meinem Leben Fortschritte zu erzielen.
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